Zurück zu Schweizer Super League

CHL Vereine finanzieren ihre Stars mittels Arbeitslosenkasse

Interessanter Artikel
Alles zur höchsten Schweizer Spielklasse

CHL Vereine finanzieren ihre Stars mittels Arbeitslosenkasse

Beitragvon 1886 » 17.12.2012 02:04

edit
Zuletzt geändert von 1886 am 17.12.2012 02:13, insgesamt 1-mal geändert.
Stammspieler
Benutzeravatar
1886
Stammspieler

 
Beiträge: 2502
Angebetener Verein: Grasshopper Club Zürich

Re: CHL Vereine finanzieren ihre Stars mittels Arbeitslosenkasse

Beitragvon 1886 » 17.12.2012 02:12

Fussballklubs der Challenge League finanzieren teure Spieler mit Hilfe der Arbeitslosenkasse. Ihr Trick: Sie melden die Stars als Teilzeit-Profis an. Für Fachleute grenzt das an Betrug.


Wenn ich höre, was für bescheidene Budgets gewisse Vereine ausweisen und dann sehe, was für teure Spieler da Wochenende für Wochenende in der Challenge League auf dem Platz stehen, wundere ich mich schon», sagt Roger Bigger, Präsident des FC Wil.
Einer dieser teuren Spieler ist A. S.* (Armando Sadiku  (AC Lugano) - Anmerkung der 1886 Redaktion) Er ist bei einem Tessiner Klub unter Vertrag. Gegenüber SonntagsBlick bestätigt er, dass sein Verein ihn mit Hilfe der Arbeitslosenkasse finanziert. Weil das Thema in der Branche weitgehend tabu ist, will A. S. nur unter Zusicherung der Anonymität reden.

Der Trick geht so: Der Klub engagiert den ehemaligen Spieler der Super League offiziell als Teilzeitprofi und zahlt ihm dafür 5000 Franken im Monat. Dann meldet der Klub A. S. bei der Regionalen Arbeitsvermittlungszentrale (RAV) an. Weil A. S. bei seinem letzten Klub sehr gut verdiente, beansprucht er nun die monatliche Maximal-Entschädigung von 7350 Franken im Monat.

Die Kasse geht darauf ein. Sie zahlt gemäss A. S. nicht nur die Differenz zum Grundgehalt von 5000 Franken, sondern rundet das Salär sogar auf 8000 Franken auf. «Als Ansporn, dass ich weiterarbeite», sagt A.S.

«Chiasso ist auf die Hilfe des RAV angewiesen»

«Es ist für den Klub ein gutes Geschäft», sagt Profifussballer A. S. In der Tat: Der Verein leistet sich so einen Topspieler, den er alleine gar nicht zahlen könnte.

Der Teilzeitjob-Trick von A. S. und seinem Klub ist kein Einzelfall. Im Gegenteil: Die Arbeitslosenkasse ist mittlerweile ein fester Bestandteil für die Finanzierung von Challenge-League-Spielern geworden.

Chiasso-Trainer Livio Bordoli gehört zu den wenigen Klub¬vertretern, die das offen zugeben. «Die Arbeitslosenkasse rettet die Challenge League; ohne die Kasse hätten Klubs mit kleineren Budgets gar keine Chance», sagt er zu SonntagsBlick. «Ein Klub wie Chiasso ist auf die Hilfe des RAV angewiesen.»

Im Moment sind bei Chiasso drei Spieler unter Vertrag, die vom RAV mitfinanziert werden. SonntagsBlick weiss: Auch Tabellenführer Aarau arbeitet mit diesem Finanzierungsmodell.

Zurzeit ist beim FCA ein Spieler unter Vertrag, den die Arbeitslosenkasse mitfinanziert. Bei einem zweiten ist der Versuch gescheitert. Die Kasse des im Kanton Solothurnswohnhaften Aarau-Spielers hat eine finanzielle Unterstützung vor wenigen Tagen verweigert.

Aarau-Präsident Alfred Schmid sieht kein Problem, wenn die Arbeitslosenkasse seine Topspieler mitbezahlt: «Ich bin der Meinung, dass auch ein Fussballer das Recht hat zum Stempeln.»

«Eigentlich ein Betrug»

Der Trick mit dem Teilzeitjob  gehe eigentlich nicht, sagt dagegen Thomas Buchmann, Leiter des Amts für Arbeit und Wirtschaft Aargau: «Wenn einer das clever macht, kann das im Einzelfall funktionieren. Aber das wäre eigentlich Betrug.» Im Sinne des Gesetzgebers sei so ein Vorgehen jedenfalls nicht.

Auch der FC Biel wollte unlängst einen ehemaligen Super-League-Kicker anstellen und via Arbeitslosenkasse finanzieren. Die Seeländer blitzten aber bei der Behörde ab. «Nicht vermittelbar!», hiess es in Neuenburg – dem Wohnkanton des Spielers.

Gemäss Staatssekretariat für WirtschaftSeco gilt nur als vermittlungsfähig, wer bereit und in der Lage sei, «eine zumutbare Arbeit im geltend gemachten Umfang (mind. aber 20 %) anzunehmen und an Eingliederungsmassnahmen teilzunehmen».

Das heisst: Der als Teilzeit-¬Arbeiter gemeldete Fussballer müsste für eine Vollzeitanstellung sofort seinen Klub verlassen können – oder einem Nebenjob von mindestens 20 Prozent nachgehen. Genau das wollen die Topspieler der Challenge League und die betroffenen Klubs natürlich nicht.

Die Aufnahmekriterien für die Arbeitslosenkasse sind zwar national geregelt – Anfragen werden jedoch von den einzelnen Kantonen gutgeheissen oder abgelehnt. Das kann Stefan Freiburghaus, Sportchef des FC Biel, kaum glauben: «Das geht ja in Richtung Wettbewerbsverfälschung!»

«Ungleichbehandlung»

Wil-Boss Roger Bigger gesteht ein, dass sein Klub letzte Saison auch mit der Arbeitslosenkasse einen Spieler finanziert hat. Ihn stört aber, dass die einen Klubs können, die anderen nicht: «Es  müssen alle gleich behandelt werden.»

Grundsätzlich gegen die Anwendung des RAV-Tricks ist Wohlens Verwaltungsratspräsident René Meier: «Ich denke nicht, dass eine Sozialversicherung dafür da ist.» Die Swiss Football League weiss, dass die Arbeitslosenkasse bei gewissen Klubs im Spiel ist.
Stammspieler
Benutzeravatar
1886
Stammspieler

 
Beiträge: 2502
Angebetener Verein: Grasshopper Club Zürich

Re: CHL Vereine finanzieren ihre Stars mittels Arbeitslosenkasse

Beitragvon 1886 » 17.12.2012 02:17

Callà: «Habe dasselbe Recht wie jeder andere Bürger!»

Er ist der Topskorer der Challenge League, bezieht Geld von der Arbeitslosenkasse und schreibt jeden Monat zwölf Job-Bewerbungen. Davide Callà steht als erster Spieler offen hin und erklärt sich.

Es fällt Davide Callà (28) nicht leicht, über das brisante Thema zu reden, das SonntagsBlick letzte Woche aufgedeckt hat («Arbeitslosenkasse finanziert Challenge League»). Lieber spricht er über Tore, Assists und die geglückte Vorrunde. Mit neun Toren und sieben Vorlagen ist er der Topskorer der Challenge League, mit dem FC Aarau steht der Flügelspieler auf dem Aufstiegsplatz.

22 Mal lief Callà für die Schweizer U21-Nati auf, mit 19 Jahren holte er mit dem FC Wil den Cup. Zwei Kreuzbandrisse und zwei Knorpelschäden im Knie vermasselten dem Italo-Schweizer eine internationale Karriere.

Im letzten Sommer – Callà verpasste die halbe Vorsaison mal wieder verletzt – lief sein Vertrag bei GC aus. Einen neuen kriegte er nicht. Nicht bei den Hoppers, nicht bei einem anderen Super-Ligisten. «Ich musste in Aarau bitti-bätti machen, damit die mich nahmen», erinnert sich Callà, der im Brügglifeld schliesslich einen Einjahresvertrag unterzeichnete.

Der Vertrag beim FC Aarau ist viel tiefer dotiert als jener, den der Winterthurer bei GC hatte. «Ich hätte auf der faulen Haut rumliegen und stempeln gehen können», sagt Callà. Er hätte fürs Nichtstun monatlich den Maximalbetrag von 7350 Franken kassiert. «Doch ich habe Stolz und will arbeiten.»

Weil Aarau ihm einen so hohen Lohn nicht bezahlt, suchte Callà Unterstützung beim Arbeitsamt. Der Kompromiss mit dem regionalen Arbeitsvermittlungszentrum (RAV): Der FC Aarau bezahlt Callà einen Fixlohn plus Leistungsprämien. Das RAV ergänzt den Lohn auf 7350 Franken. Wie viel das genau ist, will Callà nicht sagen. Zurzeit wird es sich wegen der Leistungsprämien, die der FCA zusätzlich zahlt, monatlich um ein paar hundert Franken handeln.

«Viele Leute meinen wohl, dass Fussballer übermässig viel verdienen und jetzt auch noch den Staat abzocken, das ist komplett falsch», wehrt sich Callà und findet: «Ich zahle wie jeder Bürger in die Kasse ein und habe dasselbe Recht wie alle anderen.»

Damit Callà überhaupt Geld aus der Arbeitslosenkasse kriegt, muss er Monat für Monat mindestens zwölf Job-Bewerbungen verschicken.
«Während der Transferzeit bewerbe ich mich bei Fussballklubs», sagt Callà. «Da ich auch noch ein Handelsdiplom vorzuweisen habe, muss ich mich auch für KV-Stellen bewerben, wenn das Transferfenster geschlossen ist.»

«Ich kriege nur Absagen», erzählt der Profi-Fussballer. «Logisch, denn ich spiele nur noch Fussball, seit ich 18-jährig bin.» Sobald aber eine Firma beschliesst, den Kicker anzustellen und ihn besser zu bezahlen als der FC Aarau, müsste er ins Büro!

Will ein anderer Klub den FCA im Aufstiegsrennen schwächen, könnte er Callà mit einem Monatslohn von 7500 Franken als Sekretär anstellen. Irene Tschopp, Sprecherin des Amts für Wirtschaft und Arbeit im Kanton Zürich, bestätigt: «Die Person muss bereit sein, eine Tätigkeit mit einem höheren Verdienst anzunehmen.»

Natürlich ist Callà in Tat und Wahrheit froh, dass er nur Absagen bekommt, denn er will ja beim FC Aarau als Fussballer arbeiten.
Sein Klub unterstützt den Trick mit der Arbeitslosenkasse. Auch Teamkollege David Marazzi sollte so querfinanziert werden. Doch bei ihm funktionierte es nicht. Der Kanton Solothurn, wo Marazzi registriert ist, ging nicht auf solche Ergänzungsabgaben ein.
Mindestens bis Sommer wird Callà aufs RAV zurückgreifen. Dann läuft der Vertrag mit Aarau aus.

Der Stürmer hofft, dank guter Leistung einen besseren Vertrag zu bekommen. «Ob ich in Aarau verlängere oder sonstwo unterschreibe – eines ist klar: Das oberste Ziel ist, dass ich vom RAV wegkomme.»

Er findet den Gang zum RAV nämlich sehr unangenehm: «Zum Glück läuft das in der Schweiz sehr diskret ab. So werde ich nicht von Leuten blöd angeschaut.»
Stammspieler
Benutzeravatar
1886
Stammspieler

 
Beiträge: 2502
Angebetener Verein: Grasshopper Club Zürich


Zurück zu Schweizer Super League

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 8 Gäste

cron