von Altachfan » 06.12.2010 00:34
Ich kann es immer noch nicht fassen! Das ist der absolute Gipfel einer ohnehin schon unglaublichen Schmierenkomödie, die seit Jahren bei der FIFA im Gange ist. Die meisten Leute werden vor der Vergabe der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 wohl ähnlich wie ich gedacht haben: England und auch Spanien/Portugal sind 2018 die beiden Kandidaten, die das Rennen untereinander ausmachen dürften. Für beide Länder sprechen sowohl sportliche Gründe, als auch das dortige enorme öffentliche Interesse am Fußball. Für 2022 könnte man sich gut Australien vorstellen, wo der Fußball zunehmend an Bedeutung gewinnt. Im Grunde war die Wahl Australiens aufgrund der Kandidaten Japan, Korea (beide hatten bereits 2002 dieses Event), USA (die Unfähigkeit, einer solchen Veranstaltung vom Interesse am Sport gerecht zu werden, wurde bereits vor gar nicht so langer Zeit eindrucksvoll unter Beweis gestellt) und Katar (kann sich nur um einen Witz handeln) für mich eigentlich nur Formsache. Bei 2018 konnte man sich natürlich nicht sicher sein, da hier wirklich renomierte Fußballnationen am Start waren, denen man eigentlich allen eine Ausrichtung gegönnt hätte. Nichts desto trotz ist Russland für mich der unpassendste der Kandidaten für 2018 gewesen. Für England wäre es einfach mal wieder an der Zeit gewesen, die WM austragen zu dürfen und auch in den fußballbegeisterten Ländern Spanien/Portugal und Niederlande/Belgien wäre eine WM mit Sicherheit sehr gut aufgehoben gewesen. Darüber hinaus wäre der finanzielle Aufwand für die Länder vergleichsweise gering gewesen, da sie alle bereits über einige top-moderne Stadien verfügen. Über das Interesse der Leute am Sport hätte man sich ohnehin keine Sorgen machen müssen. Das hier mit Russland der WM-Neuling gewählt wurde, erfreut mich zwar nicht, ist aber auch keine Katastrophe, auch wenn mir nach wie vor nicht klar ist, was nach logischen Kriterien die Wahl von Russland gerechtfertigt: Russland hat von den gewählten Kandidaten die schlechteste Infrastruktur, müsste fast alle Stadien komplett neu errichten und zudem wäre es nach einem Risikoprojekt wie der WM 2010 in Südafrika vielleicht einfach gut gewesen, die WM an einen wirklich sicheren Fußballstandort zu vergeben. Diese Argumente scheinen bei der FIFA kein Gehör zu finden oder besser gesagt spielen sie nur dann eine Rolle, wenn der eigene Wunschkandidat diese Kriterien erfüllt. Was man Russland jedoch zu gute halten kann, ist die positive Entwicklung des Fußballs in Russland. Die Liga wird von Jahr zu Jahr stärker - auch wenn die inzwischen häufig namenhaften Zugänge mit Sicherheit nicht die große sportliche Attraktivität der Premier Liga als großen Anreiz sehen, sondern viel eher von den astronomisch hohen Gehältern angelockt werden, die häufig sogar von den europäischen Top-Klubs nicht gezahlt werden würden. So zweifelhaft das Prozedere der Geldgeber/Besitzer im Hintergrund der Vereine auch ist, so kann man auch nicht davon absehen, dass es funktioniert. Somit ist die Vergabe der WM 2018 an Russland zwar zweifelhaft, aber in dem ein oder anderen Punkt auch nachvollziehbar. Anders sieht es mit der Vergabe der Weltmeisterschaft 2022 an Katar aus. Wie bereits erwähnt, sah ich hier Australien als Favorit, denn dort gewinnt der Fußball zunehmend an Bedeutung und stößt somit auch auf öffentliches Interesse. Darüber hinaus würde die Ausrichtung der WM das Land nicht vor zu große finanzielle Probleme stellen, wie es bspw. mit Südafrika der Fall war. Tatsächlich könnte man mit einer deftigen Prise Naivität davon ausgehen, das jenes letztgenannte Kriterium der Hauptgrund für die Vergabe von der FIFA war, denn das überreiche kleine Emirat Katar dürfte durch die Ausrichtung der WM nicht an seine finanziellen Grenzen stoßen, doch natürlich sind die wahren Argumente keine, die von der FIFA öffentlich erwähnt werden dürften. Dass die Entscheidung der FIFA für Katar einen absoluten Widerspruch in allen Belangen, die Zuschauer und Spieler interessiert darstellt, dürfte selbstredend klar sein, denn kein Spieler spielt gerne mitten in der Wüste - wenn auch in klimatisierten Stadien - vor einer praktisch nicht vorhandenen und schon gar nicht fachkundigen Kulisse, die mit dem Fußball weniger verbindet als mit dem Kamelreiten. Interessant oder anders gesagt einfach peinlich ist die Begründung der FIFA für die Entscheidung für Katar. Selbstredend gab es noch keine WM im Nahen Osten, daher wäre die Entscheidung geographisch zu verstehen, doch mal ehrlich, will jemand dort eine WM haben? Und warum muss es ausgerechnet ein Land sein, dessen Fläche geringer ist als das Bundesland Schleswig-Holstein? Natürlich, die logischerweise extrem nahe beieinander liegenden Stadien und die bis zur WM mit Sicherheit gut ausgebaute Infrastruktur machen es für die Fans mit Sicherheit leicht zu den Stadien zu gelangen, aber was will man bitte mit 10 Stadien auf einem Fleck? Der Plan, diese Stadien nach der WM wieder abzubauen und in Entwicklungsländern wieder aufzubauen, klingt zwar sehr selbstlos, zeigt aber auch die Sinnlosigkeit dieser Veranstaltung auf. Eine WM soll das Interesse am Fußball in einem Land noch weiter vergrößern (dürfte in Katar nicht allzu schwierig werden) und natürlich sollte das Land eigentlich auch von seinen Investitionen in Stadien wieder etwas haben, denn dadurch dürfte sich nachhaltig die Attraktivität der heimischen Liga steigern. Aber natürlich kann kein Land mit 10 Stadien auf einer winzigen Fläche etwas anfangen - schon gar nicht ein derart bevölkerungsarmes und nicht gerade überschwellig fußballbegeistertes Land wie Katar. Der einzige Trost, der einem nach dieser für den Fußball verherenden Entscheidung bleibt, die das Bild der FIFA in der Öffentlichkeit auf derart eindrucksvolle Weise untermalt hat, ist die noch so große Zeit, die uns allen bis zu dieser mit Sicherheit einzigartigen WM bevorsteht. Das Wörtchen "einzigartig" muss in diesem traurigen Zusammenhang eigentlich nicht weiter erläutert werden.